Frigga Haug: "Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse"
Frigga Haug über 68erinnen, das Verhältnis der Frauenbewegung zur Arbeiterbewegung, Erinnerungsarbeit und die 4-in-1-Perspektive für eine neue Linke
von Bernd Barenberg
auszugsweise im Artikel in der jungen Welt vom 8. März: "Tote Bewegung?"
Die Erfolge der 2. Frauenbewegung seit 68, zu der Frigga Haug von Anfang an gehörte, sind heute weitgehend institutionalisiert und ins Selbstverständnis des Alltags eingegangen. „Heute gibt es keine Frauenbewegung.“ Mit dieser kontroversen These eröffnete Frigga Haug am 5. März eine Veranstaltung zum Thema „Die 68erinnen und Politik als Männersache“ in Essen, organisiert durch die Rosa Luxemburg Stiftung und den örtlichen Club.
„Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen“, wie einengend der Alltag für Frauen in Adenauer-Ära und Fordismus gewesen sei: Reduziert auf die Rolle als Hausfrau und Mutter, im Modell des männlichen Ernährers, gab es keinen Raum, wo Frauen unter sich waren. „Abends allein auf der Straße, nur mit Frauen reisen oder in die Kneipe oder gar rauchen. Undenkbar.“ Das änderte sich plötzlich: „Ich hatte noch nie so viele Haare in einem Raum gesehen.“ Und Bewegung ist ansteckend. „Wir haben abgetrieben“ erfuhr tausendfachen Widerhall, ihre Kongresse waren „göttliche Feste“, Frauengruppen entstanden überall, stärkten sich gegenseitig, zeigten sich und der Gesellschaft, wozu sie imstande waren, ein „Buschfeuer“ war entfacht. „Bewegung ist, wenn ihr nach der Veranstaltung eine Gruppe gründet und aktiv werdet. Und nicht, weil ich so überzeugend war, sondern weil Bewegung ist.“
Frauen organisierten sich, weil sie trotz beginnender politischer Aktivität im SDS plötzlich in der Falle saßen: Ihre private Lebenssituation mit Kind wurde schnell zur politischen Frage, und weil von den männlichen Kollegen ignoriert, flog die Tomate. Sie traf. Mit provozierenden Aktionen wurden sie zum „Bürgerschreck“, in der Kinderladenbewegung machten sie ihre Lebensumstände zum Ausgangspunkt der Politik und immer wieder das Ringen um die Theorie: Wenn das Patriarchat durchgängig ist, auch in der Arbeiterbewegung, warum wehren sich Frauen dann nicht stärker?
„Frauen – Opfer oder Täter?“ fragte sich Frigga Haug, um dem Patriarchat auf die Schliche zu kommen, auch von Frauen reproduziert, aber frauenbewegte Täterinnen verlangt um aus den „Jammerdiskursen“ herauszukommen.
In Erinnerungsarbeit sollten sie die Punkte ihrer Anpassung und Einwilligung ausfindig machen, um das zu ändern. Gegen die Marginalisierung der Frauenfrage hält sie fest: „Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse“.
Solange die Mittel zur Reproduktion des Lebens zum alleinigen Zweck verkehrt sind, kann es keinen Sozialismus geben. Antikapitalismus ist feministisch. „DieLinke macht sich unglaubwürdig, wenn sie sich feministisch nennt, aber eine männliche Doppelspitze hat und Feminismus als Anhängsel begreift.“ Frigga Haugs 4-1-Perspektive geht weit über das Feld der Politik hinaus – neben Lohnarbeit, Reproduktion und Kultur ist sie nur eine von vier Tätigkeiten, die eine neue Linke sich aneignen muss.
Auch den Männern sei zugerufen: „Von dir ist die Rede“ (Karl Marx). Ohne sich selbst zu ändern ist keine gesellschaftliche Veränderung möglich. „Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“ (Peter Weis)
Das Stellvertretermodell der Politik wird infrage gestellt. Auf die Frage aus dem Publikum, wo bei der kapitalistisch-patriarchalen Gesamtscheiße denn anzufangen sei, lautet die Antwort: „Da wo es dich betrifft!“
Also ‚Männer an den Herd’ und in die Kinderbetreuung, mehr Zeit für Kultur und sozialen Austausch, selbstbewusste Ernährerinnen und Kritik am Zeitregime der Politik. Denn wir wollen jetzt anders leben, nicht erst in einem Jenseits des Sozialismus!
von Bernd Barenberg
auszugsweise im Artikel in der jungen Welt vom 8. März: "Tote Bewegung?"
Die Erfolge der 2. Frauenbewegung seit 68, zu der Frigga Haug von Anfang an gehörte, sind heute weitgehend institutionalisiert und ins Selbstverständnis des Alltags eingegangen. „Heute gibt es keine Frauenbewegung.“ Mit dieser kontroversen These eröffnete Frigga Haug am 5. März eine Veranstaltung zum Thema „Die 68erinnen und Politik als Männersache“ in Essen, organisiert durch die Rosa Luxemburg Stiftung und den örtlichen Club.
„Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen“, wie einengend der Alltag für Frauen in Adenauer-Ära und Fordismus gewesen sei: Reduziert auf die Rolle als Hausfrau und Mutter, im Modell des männlichen Ernährers, gab es keinen Raum, wo Frauen unter sich waren. „Abends allein auf der Straße, nur mit Frauen reisen oder in die Kneipe oder gar rauchen. Undenkbar.“ Das änderte sich plötzlich: „Ich hatte noch nie so viele Haare in einem Raum gesehen.“ Und Bewegung ist ansteckend. „Wir haben abgetrieben“ erfuhr tausendfachen Widerhall, ihre Kongresse waren „göttliche Feste“, Frauengruppen entstanden überall, stärkten sich gegenseitig, zeigten sich und der Gesellschaft, wozu sie imstande waren, ein „Buschfeuer“ war entfacht. „Bewegung ist, wenn ihr nach der Veranstaltung eine Gruppe gründet und aktiv werdet. Und nicht, weil ich so überzeugend war, sondern weil Bewegung ist.“Frauen organisierten sich, weil sie trotz beginnender politischer Aktivität im SDS plötzlich in der Falle saßen: Ihre private Lebenssituation mit Kind wurde schnell zur politischen Frage, und weil von den männlichen Kollegen ignoriert, flog die Tomate. Sie traf. Mit provozierenden Aktionen wurden sie zum „Bürgerschreck“, in der Kinderladenbewegung machten sie ihre Lebensumstände zum Ausgangspunkt der Politik und immer wieder das Ringen um die Theorie: Wenn das Patriarchat durchgängig ist, auch in der Arbeiterbewegung, warum wehren sich Frauen dann nicht stärker?
„Frauen – Opfer oder Täter?“ fragte sich Frigga Haug, um dem Patriarchat auf die Schliche zu kommen, auch von Frauen reproduziert, aber frauenbewegte Täterinnen verlangt um aus den „Jammerdiskursen“ herauszukommen.
In Erinnerungsarbeit sollten sie die Punkte ihrer Anpassung und Einwilligung ausfindig machen, um das zu ändern. Gegen die Marginalisierung der Frauenfrage hält sie fest: „Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse“. Solange die Mittel zur Reproduktion des Lebens zum alleinigen Zweck verkehrt sind, kann es keinen Sozialismus geben. Antikapitalismus ist feministisch. „DieLinke macht sich unglaubwürdig, wenn sie sich feministisch nennt, aber eine männliche Doppelspitze hat und Feminismus als Anhängsel begreift.“ Frigga Haugs 4-1-Perspektive geht weit über das Feld der Politik hinaus – neben Lohnarbeit, Reproduktion und Kultur ist sie nur eine von vier Tätigkeiten, die eine neue Linke sich aneignen muss.
Auch den Männern sei zugerufen: „Von dir ist die Rede“ (Karl Marx). Ohne sich selbst zu ändern ist keine gesellschaftliche Veränderung möglich. „Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“ (Peter Weis)
Das Stellvertretermodell der Politik wird infrage gestellt. Auf die Frage aus dem Publikum, wo bei der kapitalistisch-patriarchalen Gesamtscheiße denn anzufangen sei, lautet die Antwort: „Da wo es dich betrifft!“
Also ‚Männer an den Herd’ und in die Kinderbetreuung, mehr Zeit für Kultur und sozialen Austausch, selbstbewusste Ernährerinnen und Kritik am Zeitregime der Politik. Denn wir wollen jetzt anders leben, nicht erst in einem Jenseits des Sozialismus!
Altachtundsechziger Reiner Schmidt, Diplom-Volkswirt, Diplom-Handelslehrer und erfahrener Politkämpfer, seinerzeit im Sozialistischen Deutsche Studentenbund SDS und in einer der berüchtigten K-Gruppen aktiv, erzählte von seiner bewegten politischen Vergangenheit. 1977 gründete er die „Bunte Liste wehrt Euch“, eine der ersten Gruppierungen der alternativen Wahlbewegungen in Köln. Bis 1984 war er Mitglied der Kölner Bezirksregierung Innenstadt und hat, wie er es selbst darstellte, „den Parlamentarismus auf der untersten Ebene kennengelernt“. Zurzeit baut er die bundesweit aktive Interventionistische Linke in Köln auf. Die Frage, die ihn und andere damals wie heute berührt, ist ganz einfach: „Wie soll eine gerechtere Welt aussehen und wie kommen wir dorthin?“
Lucy Redler ist eine gebürtige „1968 plus 9" und studierte Volkswirtschaftslehre und Sozialökonomie. Seit Jahren ist sie im SAV und bei Attac aktiv. 2006 kandidierte sie als Spitzenkandidatin der WASG in Berlin, verfehlte aber mit 2,9 Prozent den Einzug ins Stadtparlament. Intensiv hat sie sich mit politischen Streiks nach 1945 auseinandergesetzt und ein Buch darüber geschrieben. Für sie steht 1968 für Antikapitalismus und Radikalität sowie vor allem auch für Selbstorganisation und Internationalismus. Deutlich sei dies in dem französischen Generalstreik 1968 geworden, der unmittelbar darauf in Italien aufgegriffen wurde. Bemerkenswert waren für sie auch die wilden Streiks und Betriebsbesetzungen in zahlreichen Unternehmen, die letztlich zu Verbesserung der Situation vieler werktätiger Menschen geführt hätten. Auch die Frauenbewegung habe seit 1968 deutlich Fortschritte gemacht. Heute könne man sich nicht mehr vorstellen, dass Frauen in den 60ern für Vertragsunterschriften noch die Genehmigung des Mannes brauchten oder dass ihnen der Führerschein ohne dessen Zustimmung verwehrt blieb. Viel ist auch erreicht worden im Kampf gegen den § 218 oder gegen sexuelle Gewalt zu Hause.