Gebaruto gegen alles und jeden

Eine wichtige Frontlinie der 68er Revolte verlief quer durch Japans Universitäten
von Peter Linke
(aus: RosaLux 1/2008)

Die über ein Jahr andauernden kriegsähnlichen Zustände auf dem Gelände der renommierten Tokio-Universität, ausgelöst Anfang 1968 durch Streiks an der medizinischen Fakultät, markierten den Höhepunkt langjährigen studentischen Aufbegehrens:
Auf Massenproteste gegen die Entlassung linker Hochschullehrer (1950), erweiterte Polizeibefugnisse (1958) sowie die Verlängerung des japanisch-amerikanischen Sicherheitspaktes (1960) folgten ab Mitte der sechziger Jahre massive Aktionen gegen den Vietnam-Krieg sowie für deutlich bessere Bedingungen in Studium und Lehre.
In all diesen Auseinandersetzungen zeigte sich Nippons Studentenschaft ebenso entschlossen wie zersplittert: Neben dem 1948 gegründeten, der Kommunistischen Partei Japans nahe stehenden Alljapanischen Verband Studentischer Selbstverwaltungen (Zengakuren) etablierten sich diverse linksradikale, maoistische Gruppierungen wie die Fraktion revolutionärer Marxisten (Kakumaru-ha), der Drei-Fraktionen-Block (Sanpa Rengo) sowie die Zentrumsfraktion (Chukaku-ha), die sich auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte nicht nur Gefechte mit der Polizei, sondern auch und vor allem mit KP-treuen Zengakuren-Anhängern lieferten. Hinzu kamen so genannte unabhängige Radikale (Non-sekuto rajikaru), die jegliche Zusammenarbeit mit anderen Gruppierungen kategorisch ablehnten.

Gemeinsam war allen ein hohes Maß an Militanz: Gebaruto – Gewalt – wurde zum Schlüsselbegriff der rebellierenden Studenten. Eingebettet ins Japanische, sollte ausgerechnet ein deutsches Wort wesentliche Momente der damaligen inner-japanischen Kämpfe widerspiegeln: soto-geba – »Campus-Schlachten mit der Polizei«, uchi-geba – »gewaltsames Vorgehen gegen anders denkende Studenten«, geba-ru – »Revolution machen« – mit dem geba-bo, dem »Schlagstock«, in der Hand... Gewalt gegen alles und jeden, im Namen der großen Vorbilder Hegel, Marx, Lenin, Mao. Japans Establishment schlug brutal zurück, ließ die universitären Widerstandsnester durch Tausende von Polizisten stürmen. Im Ergebnis verlagerte sich der Kampf der Studenten vom Campus auf die Straße, wurde härter und blutiger: Im Spätsommer 1969 gründete sich Japans Rote-Armee-Fraktion (Sekigun-ha). Wollte sie die Weltrevolution vor allem im Nahen Osten herbei bomben, konzentrierten sich andere Gruppierungen auf Terroraktionen im eigenen Land, etwa die Antijapanische Bewaffnete Front Ostasiens (To-ajia han-nichi buso sensen), die Mitte der siebziger Jahre glaubte, durch Sprengstoffanschläge auf diverse Großkonzerne den japanischen Imperialismus demaskieren zu können. Gleichwohl war die 68er Revolte das letzte linksprogressive Aufbegehren der japanischen Studentenschaft. Nach Verabschiedung eines überaus studentenfeindlichen Hochschulkontrollgesetzes durch die Regierung Sato im August 1969 zogen sich viele ehemalige Campus-Kämpfer verschreckt ins Private zurück. Erstmals seit den dreißiger Jahren dominierten konservative und ultranationalistische Ideen das intellektuelle Klima an Japans Universitäten. Reaktionäre Verbindungen wie die Union japanischer Studenten (Nihon gakusei kaigi) der Neujapanische Studentenbund (Shin-nihon gakusei domei) oder die Liga für die Reinheit des Studententums (Gakusei junsei domei) traten auf den Plan. Nihonjinron, die These von der vermeintlichen »Ausschließlichkeit des japanischen Wesens«, machte die Runde, bereitete den Boden für diverse »Einheitsfront «-Aktivitäten ab Mitte der siebziger Jahre.

Heute tendiert das subversive Potential japanischer Universitäten gegen Null. Zwischen Shopping und Examen mal kurz Unmut über kontaminierte Blutkonserven (1995) oder den Irak-Krieg (2003) äußern – mehr ist nicht drin. Kaum verwunderlich für ein Land, in dem bereits das Verteilen von Faltblättern Polizei-Arrest nach sich ziehen kann. Vor einheimischen Terroristen wähnt sich Tokio inzwischen weitgehend sicher. Die Sekigun-ha wird vom US-Außenministerium nicht länger als terroristische Organisation eingestuft. Ehemalige RAF-Größen wie Fusako Shigenobu oder Ekita Yukiko atmen seit Jahren gesiebte Luft. Und dennoch: Ganz tot scheint Nippons militante Linke nicht zu sein. So soll ein Sabotage-Akt gegen Japans Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen aus dem Jahre 1998 auf das Konto radikaler Kakumaru-ha-Veteranen gehen.

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